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Finanzmärkte aktuell:

Wirtschaftsinstitute: Gefahr einer Gaslücke deutlich verringert


Gas-Straßenkappe / Foto: über dts Nachrichtenagentur

 

Die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke mit Erdgas im Fall eines Stopps russischer Lieferungen ist nach Ansicht der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands gegenüber April deutlich gesunken. Die Versorgungsrisiken blieben aber bestehen, teilten die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Institute am Dienstag mit. Angesichts der jüngst von russischer Seite gedrosselten Durchleitungsmengen hatten die Institute ihre Mitte April im Frühjahrsgutachten für die Bundesregierung veröffentlichten Simulationen bis Ende 2023 für die Gasverfügbarkeit und die wirtschaftlichen Effekte im Fall eines Lieferstopps aktualisiert.

Dabei wurden modellbasiert für verschiedene Zeitpunkte eines Lieferstopps Simulationen gefahren, die Einsparpotenziale und zusätzliche Liefermengen berücksichtigen. Die zuletzt beobachteten Füllstände der Gasspeicher, die leicht unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegen, flossen hierbei ein. Im Median der Simulationsergebnisse ergebe sich bei einem sofortigen Lieferstopp keine Gasversorgungslücke bis Ende kommenden Jahres, so die Institute. Industrielle Verbraucher müssten dann nicht rationiert werden. Die Versorgung privater Haushalte und sozialer Einrichtungen wäre ohnehin nicht gefährdet. Bei einem sofortigen Lieferstopp im April wäre im Jahr 2023 eine Gaslücke im Umfang von 35,5 TWh aufgetreten, was die Gasversorgung für die Industrie erheblich beschnitten und dort die Produktion eingeschränkt hätte. Grund dafür sei, dass zwischenzeitlich mehr Gas nach Deutschland geströmt ist und gespeichert wurde, als sonst im kommenden Jahr gefehlt hätte, so die Wirtschaftsforscher. Waren die deutschen Gasspeicher im vergangenen April nur zu 30 Prozent gefüllt, so hatte der Füllstand zuletzt 58 Prozent erreicht. Dennoch sei die Versorgung der Industrie bei einem sofortigen Lieferstopp nicht in jedem Fall gesichert. So ergebe sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent im kommenden Jahr eine Gaslücke von mindestens 23,8 TWh, im sehr unwahrscheinlichen schlechtesten Fall fehlen sogar fast 160 TWh. Durch den daraus resultierenden Produktionsausfall in den gasintensiven Industrien und ihren unmittelbaren Abnehmern käme es den Berechnungen der Institute zufolge zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 46 Milliarden Euro (20-prozentige Wahrscheinlichkeit) bzw. 283 Milliarden Euro (Worst Case). Dies entspricht 1,6 Prozent bzw. 9,9 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres 2021. Die gesamtwirtschaftlichen Einbußen dürften noch deutlich größer ausfallen, da die unmittelbaren Effekte noch konjunkturell verstärkt würden, hieß es weiter. Außerdem würde den Haushalten infolge höherer Energiepreise Kaufkraft entzogen. In einer Analyse im April hatten die Institute den gesamtwirtschaftlichen Effekt gut dreimal so hoch eingeschätzt wie jenen auf unmittelbar betroffene Industrien. Entwarnung geben die jetzt berechneten Simulationen allerdings für Szenarien, in denen die derzeit auf 40 Prozent gedrosselten russischen Lieferungen fortgesetzt werden. Dann drohe auch bei ungünstigen Konstellationen kein Gasengpass für die Industrie. Am Ende des Simulationszeitraums wären die Gasspeicher im Vorjahresvergleich erheblich geringer gefüllt (14,1 Prozent Füllstand im Dezember 2023 gegenüber 60,6 Prozent im Dezember 2022). Damit wäre die deutsche Wirtschaft im Jahr 2024 deutlich schlechter mit Gas versorgt. Allerdings dürften dann auch weitere Lieferquellen in Reichweite kommen, die in der Simulation noch nicht berücksichtigt wurden. Allerdings bestehe hier das Risiko, dass mögliche Lieferländer den Gashandel einschränken, um ihre heimischen Kunden vor dem Gaspreisanstieg abzuschirmen, den unter anderem der Nachfragesog aus Europa erzeuge, so die Institute. Die Substitution russischer Lieferungen unterliege also immer auch einem Protektionismusrisiko. Zu den Wirtschaftsinstituten, die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligt sind, zählen neben dem IfW das DIW, das IWH Halle, das Münchener Ifo-Institut und das RWI.

© dts Deutsche Textservice Nachrichtenagentur GmbH

 

NEWS25-Meldung vom 28.06.2022 - 08:43 Uhr

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